Als ich anfing, mich mit der letzten Garbe zu beschäftigen, hatte ich ständig einen Bauern auf seinem Traktor vor Augen. Deshalb verstand ich anfangs überhaupt nicht, worum es ging. Ich stellte mir vor, wie er über das Feld fährt, bis nur noch das letzte Stück Getreide übrig ist. Warum man gerade die „letzte Garbe“ herausheben sollte, erschien mir völlig willkürlich. Falls du darüber auch noch nie nachgedacht hast: Eine Garbe ist ein Bündel abgeschnittener Getreidehalme, die nach der Ernte zusammengebunden werden. Im Nachhinein kommt es mir ziemlich blöd vor, dass mir das nicht gleich eingefallen ist. Aber ja, vor dem Mähdrescher sah Landwirtschaft eben ganz anders aus. Mehrere Menschen arbeiteten gleichzeitig am Feld. Manche schnitten mit Sichel oder Sense, andere sammelten die Halme und banden sie zu Garben. Auf größeren Höfen halfen Familie, Dienstboten, Tagelöhner und Nachbarn mit. Die letzte Garbe lag also nicht zwangsläufig ganz am Ende des Feldes. (Genau so hatte ich es mir zuerst vorgestellt, als letzte vom Traktor gemähte Reihe. Offenbar wusste ich damals auch noch gar nicht, was eine Garbe ist. Vielleicht hätte ich damit anfangen sollen.) Sie konnte von jedem Fleck stammen, auf dem zuletzt noch Getreide stand.

Irgendwann schnitt jemand die letzten Halme und band die letzte Garbe. Dabei wurde genau beobachtet, wer als Letzter fertig war. Diese Person wurde vielleicht verspottet oder bekam einen besonderen Spitznamen. Der oberösterreichische Volkskundesammler Amand Baumgarten zeichnete im 19. Jahrhundert einen besonders unangenehmen Glauben auf: Eine verheiratete Person, die die letzte Garbe schnitt, würde noch im selben Jahr sterben. Eine erklärende Geschichte liefert er dazu nicht. Er zählt die Vorstellung lediglich neben anderen Todesvorzeichen auf. Vielleicht ist das einer dieser Bräuche, bei denen irgendwann niemand mehr wusste, warum sie eigentlich so sind.

Mit dem letzten Getreide war aber auch ein ganz anderer Brauch verbunden. Im Oberpustertal sollen sich die Arbeiter darum niedergekniet und gebetet haben. Das letzte Bündel hieß dort Betgarbe. In manchen Gegenden wurde die letzte Garbe auch einer armen Person oder jemandem aus dem kirchlichen Umfeld geschenkt.

Manchmal ließ man einfach ein paar Halme stehen. Sammlungen von Erntebräuchen aus dem deutschsprachigen Raum nennen dafür verschiedene mögliche Empfänger: Hexen, die Kornfrau oder mancherorts den Bilwiss beziehungsweise Bilmeschneider.

DER BILWISS IM GETREIDE

Der Bilwiss ist eine jener Gestalten, die umso schwerer zu fassen sind, je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht. Sein Name erscheint in verschiedenen Formen, und die Geschichten über ihn veränderten sich mit der Zeit. In Bayern galt der Bilwiss, auch Bilmeschneider genannt, unter anderem als Korndämon, der dem Getreide schadete. Bayerische Dialektquellen beschreiben ein Wesen, das nachts durch die Felder zog, manchmal auf einem schwarzen Ziegenbock reitend, mit einer Sichel am Fuß. Die schmalen Streifen beschädigten Getreides hießen Bilwisschnitt oder Bilmesschnitt. In manchen Geschichten zerstörte er die Ernte nicht bloß. Das Getreide gelangte zu ihm oder zu jenem Bauern, der seine Hilfe in Anspruch genommen hatte. Das bemerkte man nicht unbedingt sofort. Erst nachdem der Bauer alles eingebracht hatte, stellte er fest, dass der Ertrag geringer ausfiel als erwartet. Der fehlende Teil sei zum Bilwiss gewandert.

Natürlich gab es auch Mittel, um ihn fernzuhalten. Eines der seltsameren war der Bilmesschuss. In Teilen Bayerns gingen Bauern am Pfingstmorgen noch vor Sonnenaufgang hinaus und schossen über ihre Felder, um den Bilmeschneider zu vertreiben. Auch Wacholder beim Dreschen oder die Segnung der Felder sollten gegen den Bilwiss helfen. Er war also nicht einfach eine Figur, über die man Geschichten erzählte. Wenn man glaubte, dass er durch das Feld ziehen und einen Teil der Ernte mitnehmen konnte, gab es konkrete Gegenmaßnahmen. Mancherorts ließ man ihm am Ende der Ernte absichtlich ein paar letzte Halme stehen.

Das war aber längst nicht der einzige seltsame Brauch rund um den letzten Rest der Ernte. Höchste Zeit, die Habergeiß kennenzulernen.

DIE HABERGEISS

In Oberösterreich taucht die Habergeiß in Erntebräuchen auf, bei denen es darum geht, wer zuletzt fertig wird. Meist wird sie als ziegenartiges Wesen beschrieben, aber viel weiter bringt uns das nicht. Eine einheitliche Habergeiß gab es nie. Je nach Ort und Brauch konnte sie ein unheimlicher Ruf draußen am Feld sein, eine seltsame Tiergestalt bei einem Umzug oder eine Figur aus Stroh. Für unsere Erntebräuche ist die Strohausführung besonders wichtig.

Die damit verbundenen Bräuche bezeichnet man als Rügebräuche: Man tadelte oder verspottete damit jemanden. War ein Bauer als Letzter in der Umgebung mit der Getreideernte fertig, bastelten die Nachbarn eine Habergeiß aus Stroh und stellten sie auf sein Feld. So konnte jeder sehen, dass alle anderen Höfe schon fertig waren und er noch nicht.

Das Problem beim Versuch herauszufinden, was die Habergeiß eigentlich sein sollte, ist, dass die Strohfigur nur eine ihrer Erscheinungsformen ist. Man erzählte auch davon, wie die Habergeiß nachts draußen auf den Feldern schrie oder meckerte. Die Beschreibungen werden mitunter richtig eigenartig. Manche Varianten haben Flügel, andere drei Beine. Wieder andere besitzen lange Hörner, einen Ziegenkopf und einen vogelartigen Körper. Und als wäre das nicht schon verwirrend genug, begegnet uns die Habergeiß plötzlich auch außerhalb der Erntezeit.

DIE HABERGEISS IM WINTER

In Winterbräuchen erscheint die Habergeiß meist als maskierte oder gebaute Umzugsfigur. In Teilen Oberösterreichs begleitet sie noch heute Nikolaus und Krampus. Früher begegnete man ihr auch während der Rauhnächte oder im Fasching. Wie diese Habergeiß aussieht, unterscheidet sich von Dorf zu Dorf. Manche bestehen aus Tierfellen und einem Ziegenkopf mit einem Maul, das auf- und zuschnappen kann. Andere werden von MenschenHabergeiss getragen oder bewegt, die darunter verborgen sind. In Lambrechten führt man beim Umzug sogar eine lebende Ziege mit. Die Habergeiß kann auch ganz schön furchteinflößend sein: Sie springt herum und soll Kinder damit zu gutem Benehmen bringen.

Die Habergeiß lässt sich nur schwer in eine ordentliche Schublade stecken. Hier ist sie eine Strohfigur, mit der man einen verspäteten Bauern verspottet. Dort ein seltsames Tier, das nachts schreit. Und im Winter zieht sie plötzlich mit Nikolaus und Krampus durchs Dorf.

Mit der Habergeiß sind wir bis in den Winter abgeschweift. Kehren wir zum Ende der Erntezeit zurück. Auch weiter oben in den Bergen neigte sich der Sommer dem Ende zu. Vieh und Hirten machten sich bereit, die Alm zu verlassen und ins Tal zurückzukehren.

Das Vieh kommt heim

Beim Almabtrieb kehrt das Vieh im Herbst von den hoch gelegenen Sommerweiden zurück. Je nach Region, Wetter und Höhenlage findet er meist zwischen September und Oktober statt.

Noch heute ist der Almabtrieb ein großes Spektakel. Die Kühe werden prächtig mit riesigen Glocken, Blumen, Zweigen, Bändern und kunstvollen Kopfschmuckstücken geschmückt. Das geschieht nicht einfach nur, weil jemand die Kühe hübscher findet. War der Sommer ohne Verlust eines Menschen oder Tieres vergangen, wurde die Herde für den Heimweg festlich herausgeputzt. Manche Tiere trugen besonders aufwendigen Kopfschmuck, in den Spiegel eingearbeitet waren.

Kranzkuh

Die Glocken sollten schädliche Geister vertreiben. Im Spiegel sollte ein böses Wesen, das sich der Herde näherte, sein eigenes Spiegelbild erblicken und davor zurückschrecken. Allerdings leuchtete mir das nicht ganz ein. Wenn der Schmuck die Tiere beschützen sollte, warum ließ man ihn gerade nach einem Sommer weg, in dem tatsächlich jemand gestorben war? Wäre das nicht genau der Moment, in dem man zusätzlichen Schutz brauchen könnte? Als ich Jesse diesen Abschnitt zeigte, reagierte er genau umgekehrt. Für ihn war es völlig logisch, nach einem Todesfall auf den Schmuck zu verzichten: Die gefährliche Macht, vor der man die Herde schützen wollte, hatte sich ja schon etwas geholt. Vielleicht musste man jetzt nichts mehr abwehren. Ich forschte weiter und fand heraus, dass einige moderne Volkskundler eher bezweifeln, dass der Schmuck ursprünglich als Schutz gedacht war. Aber gerade die Spiegel lassen mich noch immer vermuten, dass etwas daran sein könnte. Denn mal ernsthaft: Warum sonst sollte man Spiegel in den Kopfschmuck einarbeiten?

Während unten die Getreideernte zu Ende ging, kam also auch das Vieh aus den Bergen zurück. Das Leben verlagerte sich wieder Richtung Haus und Stall.

Das Kasmandl

Im Salzburger Lungau erzählte man von einem kleinen grauen Bergwesen, dem Kasmandl. Sobald Vieh und Hirten ins Tal gezogen waren, bezog es die verlassenen Almhütten. Dort sammelte es alles, was die Almleute verloren oder zurückgelassen hatten, und lebte den Winter über von diesen Resten. Im Lungau ist die Geschichte bis heute lebendig. Am Vorabend des Martinstages verkleiden sich Kinder als Kasmandln, ziehen von Haus zu Haus, sagen Sprüche auf, singen und verteilen Rahmkoch und Schnuraus, traditionelle Süßspeisen.

DER MICHL ZÜNDET DAS LICHT AN

Gegen Ende September machte sich der Jahreszeitenwechsel auch im Haus bemerkbar. Michaeli, der Michaelistag am 29. September, war früher in Oberösterreich ein wichtiger Einschnitt im Jahreslauf. Besonders mag ich diesen alten oberösterreichischen Spruch:

Da Michl zündet's
Liacht an.

Im Sommer konnten Handwerker dank des Tageslichts bis spät arbeiten. Nach Michaeli wurden die Abende aber so dunkel, dass man wieder Lampen brauchte. In Bad Ischl heißt der erste Montag nach Michaeli Liachtbratlmontag. „Liacht“ bedeutet Licht, „Bratl“ Braten und „Montag“ eben Montag. Traditionell spendierte der Meister seinen Arbeitern zum Beginn der dunklen Jahreszeit einen Braten.

Michaeli markierte noch weitere Veränderungen. Dienstverhältnisse begannen oder endeten oft zu diesem Zeitpunkt, Zahlungen wurden fällig und zahlreiche Märkte fanden statt. Auch die Frauen trafen sich abends wieder zum gemeinsamen Spinnen. Da wurde erzählt, getratscht, und plötzlich wusste wieder jede über die Angelegenheiten der anderen Bescheid.

Von der sommerlichen Welt, mit der wir angefangen haben, war nun kaum etwas übrig. Das Getreide war geschnitten und gebunden, einschließlich jener letzten Garbe, für die niemand unbedingt verantwortlich sein wollte. Irgendwo stand eine Habergeiß aus Stroh auf dem Feld eines Bauern, dessen Nachbarn schneller mit der Ernte fertig geworden waren. Anderswo hatte man ein paar Halme für den Bilwiss stehen gelassen. Das Vieh war von der Alm gekommen, und die Arbeit, die die langen Sommertage ausgefüllt hatte, verlagerte sich nach drinnen.

fall scene with pumpkin basket book and flowers

Quellen

  • Hörmann, Ludwig von. Das Tiroler Bauernjahr: Jahreszeiten in den Alpen. Innsbruck, 1899.
  • Burgstaller, Ernst. „Rügebräuche bei der Ernte in Oberösterreich.“ Zeitschrift für Volkskunde 52, 1955, S. 205–221.
  • Keller, Irene und Christian. „Die Habergeiß.“ In: Glaube? Aberglaube? – Volksfrömmigkeit. Forum OÖ Geschichte.
  • Heitzmann, Anton und Josefine. „Kasmandl.“ Lungauer Volkskultur.
  • Tirol Werbung. „Almabtriebe: Geschichte einer Tiroler Tradition.“ Presse.Tirol, 31.Juli 2026.
  • Pictures from top to bottom:
  • Franz Richard Unterberger. Der letzte Erntetag, um1859. Ölgemälde. Gemeinfrei. Via Wikimedia Commons.
  • Wald1siedel. Goldegger Perchtenlauf 07, Goldegg im Pongau, Salzburg, Österreich, 1. Jänner 2015. Fotografie. CC BY-SA 4.0. Via Wikimedia Commons.
  • Holger Rockenmayer. „Geschmückte Kuh beim Almabtrieb nahe dem Achensee, Tirol, Österreich.“ Pexels. Pexels-Lizenz.