Jedes Jahr bis weit in meine Teenagerzeit stand ich am 1. November am Grab meiner Großeltern. In Österreich ist der 1. November als Allerheiligen ein gesetzlicher Feiertag. Traditionell geht man auf den Friedhof und nimmt an einem großen katholischen Zeremoniell für die Verstorbenen teil. Der Friedhof war immer so voll, dass man an diesem Vormittag im ganzen Ort kaum einen Parkplatz fand. Alle waren da. Eine Blasmusikkapelle spielte unfassbar deprimierende Musik, der Priester ging zwischen den Gräbern hindurch und murmelte mit monotoner Stimme Gebete, und der Geruch von Weihrauch lag in der Luft. Jedes Grab war mit Blumen und Kerzen geschmückt. Meine Großeltern väterlicherseits waren lange vor meiner Geburt gestorben. Deshalb hatten meine Mama und ich keinerlei emotionale Verbindung zu ihnen oder zu dem Grab, vor dem wir standen. Meinem Papa war es auch nicht besonders wichtig, dort zu sein, seiner Schwester, meiner Tante, allerdings schon. Generell schien es gesellschaftlich erwartet zu werden, also standen wir Jahr für Jahr wieder dort. Mama und ich fanden das Ganze ziemlich gruselig. Häufig war das Wetter neblig, nass und windig, was die unheimliche Stimmung noch verstärkte. Es war kein lebendiges Totenfest wie der Día de los Muertos in Mexiko. Andererseits kann ich mich auch nicht erinnern, dass in der katholischen Kirche je irgendetwas besonders lebendig gewesen wäre. Ich weiß noch, dass ich erleichtert war, keine emotionale Bindung zu meinen verstorbenen Großeltern zu haben. Die Vorstellung, in dieser bedrückenden Umgebung auch noch echte Trauer zu erleben, schien mir unerträglich.
Meine Großeltern väterlicherseits waren lange vor meiner Geburt gestorben. Meine Mutter und ich hatten deshalb keinerlei emotionale Verbindung zu ihnen oder zu dem Grab, an dem wir standen. Meinem Vater war der Besuch auch nicht besonders wichtig, seiner Schwester, meiner Tante, allerdings schon. Irgendwie wurde gesellschaftlich erwartet, dass man dort erschien. Also standen wir Jahr für Jahr wieder da. Meine Mutter und ich fanden die ganze Sache ziemlich unheimlich. Oft war es neblig, nass und windig, was die bedrückende Atmosphäre noch verstärkte. Es war jedenfalls kein lebendiges Totenfest wie der Día de los Muertos in Mexiko. Andererseits kann ich mich auch nicht erinnern, dass in der katholischen Kirche jemals irgendetwas besonders lebendig gewesen wäre. Ich weiß noch, wie erleichtert ich war, dass ich keine emotionale Bindung zu meinen verstorbenen Großeltern hatte. Sich an einem so bedrückenden Ort auch noch mit echter Trauer auseinandersetzen zu müssen, kam mir unerträglich vor.
Allerheiligen für die Heiligen, Allerseelen für alle anderen
Das Seltsame ist, dass Allerheiligen eigentlich gar nicht für das Gedenken an gewöhnliche Verstorbene gedacht ist. Dafür gibt es Allerseelen am 2. November. Nur ist der 1. November ein Feiertag und der 2. nicht. Wenn man die Gräbersegnung auf Allerheiligen legt, können deshalb die meisten Menschen teilnehmen. Während ich das schreibe, fällt mir auf, wie typisch es ist, dass der offizielle Gedenktag für die Heiligen ein Feiertag ist, jener für die „normalen Leute“ aber nicht. Na ja.
Schon im 4. Jahrhundert gab es jährliche Gedenkfeiern für christliche Märtyrer und Heilige, allerdings nicht überall am selben Datum. Das kam erst später, als sich in Rom der 1. November als Fest aller Heiligen durchsetzte. Allerseelen entstand noch später. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts führte Abt Odilo von Cluny am 2. November einen Gedenktag für alle verstorbenen gläubigen Christen ein, deren Seelen sich angeblich noch im Reinigungsprozess befanden. Die Gebete und Messen der Lebenden sollten ihr Leiden verkürzen und ihnen helfen, weiterzukommen. Wie Odilo angeblich auf diese Idee kam, ist übrigens eine ziemlich nette Geschichte.
Wie sich klagende Dämonen über die Einführung von Allerseelen beschwerten
Der Erzählung nach strandete ein Mönch auf der Rückreise aus Jerusalem auf einer abgelegenen Insel. Dort begegnete er einem Einsiedler. Dieser erzählte von einem Ort in der Nähe, aus dem gewaltige Flammen schossen und an dem die Seelen der Sünder unter schrecklichen Qualen geläutert wurden. Später brachte man diesen Ort mit dem Ätna in Verbindung. Außerdem hörte der Einsiedler Dämonen, die sich bitterlich über Abt Odilo und die Mönche von Cluny beschwerten. Deren unermüdliche Gebete und Almosen seien offenbar so wirksam, dass ihnen ständig Seelen aus der Bestrafung entkamen. Als der Reisende schließlich heimkehrte, berichtete er Odilo davon. Daraufhin ordnete Odilo an, dass die mit Cluny verbundenen Klöster jedes Jahr am 2. November mit Gebeten, Messen und großzügigen Almosen aller gläubigen Verstorbenen gedenken sollten.
Das Allerheiligen, von dem mir niemand erzählt hat
Allerheiligen und Allerseelen sind zutiefst christliche Feste. Viele der Volksbräuche, die sie umgeben, passen allerdings nicht besonders gut zur offiziellen katholischen Lehre. Im Volksglauben waren die Toten keine fernen Seelen, die bloß auf Gebete warteten. Sie kehrten in ihre früheren Häuser zurück, zogen mit dem Herbstwind umher, verlangten Nahrung und Wärme und behielten gewisse Ansprüche gegenüber den Lebenden.
Obwohl ich in Österreich aufgewachsen bin und oft an der Allerheiligen-Zeremonie auf dem Friedhof teilgenommen habe, wusste ich nie, woher das alles kam oder was sich unter der sichtbaren Kirchenfeier verbarg. Ehrlich gesagt war es mir auch egal. Für mich war es eine langweilige Kirchensache, und alles, was mit der katholischen Kirche zusammenhing, interessierte mich herzlich wenig. Ursprünglich wollte ich für diesen Artikel nur die Überschneidungen zwischen Samhain, Halloween, Allerheiligen und Allerseelen untersuchen. Überrascht hat mich, wie viele Volksbräuche es rund um diese christlichen Totengedenktage in Österreich und den Nachbarregionen gab und wie wenig sie mit der offiziellen Version meiner Kindheit gemeinsam hatten. Die Arme Seele dieser alten Erzählungen und Bräuche ist eine eigenartige Mischung: Sie leidet im kirchlichen Fegefeuer, verhält sich aber zugleich wie ein wiederkehrender Geist aus dem Volksglauben.
Einem weitverbreiteten Glauben zufolge befreite das Läuten der Kirchenglocken an Allerheiligen die Armen Seelen vorübergehend aus dem Fegefeuer. Der genaue Zeitpunkt und die Dauer unterschieden sich von Ort zu Ort. Mancherorts begann ihre kurze Freiheit mit einem einstündigen Läuten am Nachmittag oder Abend. Die Seelen durften dann bis zum Glockenläuten am nächsten Morgen auf der Erde umhergehen.
Die Menschen entzündeten kleine Seelenlichtlein. Sie sollten den Seelen den Heimweg weisen oder einer vergessenen Seele zeigen, dass noch jemand an sie dachte. In manchen Gegenden Österreichs füllte man die Lämpchen mit Schmalz, damit die Seelen, die unter der Hitze des Fegefeuers litten, ihre Verbrennungen damit behandeln konnten. Wenn man sich die Armen Seelen als vom Fegefeuer verbrannt und verletzt vorstellte, ergibt das auf eine seltsame Weise Sinn. Es gab allerdings noch eine andere Vorstellung, für die ich keine überzeugende Erklärung gefunden habe: Manche Seelen litten die sogenannte kalte Pein. Angeblich konnte im Fegefeuer eine schreckliche Kälte herrschen, die sogar schlimmer als das Feuer war. Für solche Seelen ließ man den Ofen oder das Herdfeuer die ganze Nacht brennen, damit sie ins Haus kommen und sich aufwärmen konnten.
Auch die Erscheinungsformen der Armen Seelen waren höchst unterschiedlich. Manchmal stellte man sie sich als unsichtbare menschliche Geister vor, andernorts als Lichter, Flammen, Schatten oder Tiere. Besonders häufig werden Kröten genannt. Weil die Seelen unsichtbar durch Häuser und Höfe ziehen konnten, vermied man es, Tore zuknallen zu lassen. Schließlich könnte eine Arme Seele dazwischen eingeklemmt und zerquetscht werden.
Andere Überlieferungen erzählen vom Allerseelenwind. Dieses Motiv fand ich besonders faszinierend, weil es an viel ältere heidnische Vorstellungen erinnert. Heftige Herbststürme sind um diese Jahreszeit nichts Ungewöhnliches, und man stellte sich vor, dass die Armen Seelen darin umherzogen. Der Wind heulte, rüttelte an den Fenstern und zerrte am Haus, weil die Toten zurückkehrten. Besonders vergessene Seelen konnten ruhelos sein. Sie klopften womöglich an die Scheiben oder kratzten den Putz von den Wänden.
Und natürlich waren die zurückkehrenden Seelen hungrig. Man backte besondere Brote und Gebäckstücke und ließ sie über Nacht zusammen mit einer Schüssel oder einem Glas Milch auf dem Tisch stehen. Manchmal räumte man den Tisch ab, besprengte ihn mit Weihwasser und ließ ihn als sicheren Ruheplatz unberührt. Fenster und Türen blieben mitunter offen, damit die Seelen ihre früheren Häuser betreten konnten. Aus dem Verhalten des Teiges las man die Zukunft des Haushalts: Ein schön aufgegangenes Brot verhieß Glück und Erfolg im kommenden Jahr, ein zusammengefallenes oder schlecht aufgegangenes warnte vor Schwierigkeiten.
Die Küchl gehörten den Toten
Eine Tiroler Sage erzählt von einem armen Wanderer, der an Allerheiligen auf dem Haselrasterhof um Unterkunft bat. Die Familie ließ ihn auf der warmen Ofenbank schlafen, warnte ihn aber davor, die Küchl, kleine ausgebackene Gebäckstücke, anzurühren, die auf dem Tisch für die Armen Seelen standen. Irgendwann siegte sein Hunger. Er sprach ein Gebet für die Seelen und aß das Gebäck. Später in der Nacht betraten die Toten das Bauernhaus und versammelten sich um den Tisch. Dem entsetzten Wanderer erklärten sie, nur sein Gebet habe ihn davor bewahrt, von ihnen zerrissen zu werden.
Die Armen Seelen warteten also nicht einfach nur auf Gebete. Sie hatten weiterhin gewisse Rechte gegenüber den Lebenden. Man musste an sie denken, sie ins Haus lassen, ihnen Wärme geben und Essen anbieten. Wer diese Pflichten missachtete, musste mit dem Zorn oder der Strafe der Toten rechnen. In den schlimmsten Geschichten konnte es den Betreffenden sogar das Leben kosten, wenn er die Seelen schlecht behandelte oder bestahl.
Brot für die Armen Seelen: der Allerseelen-Heischegang
Von einem Brauch hatte ich vorher noch nie gehört, und gerade den fand ich besonders interessant: den Allerseelen-Heischegang.
Ich habe die besonderen Brote und Gebäcke dieser Jahreszeit bereits erwähnt: Seelenwecken, Seelenzelten, Spitzl und Allerheiligenstriezel. Beim Heischegang gingen arme Menschen und Kinder von Haus zu Haus und baten um solches Brot. Große Bauernhöfe buken manchmal 300 bis 500 kleine Laibe
für die Besucher. Ein Kind konnte genug Brot sammeln, um damit einen beträchtlichen Teil des Wintervorrats einer armen Familie zu sichern. Im Gegenzug betete man für die Armen Seelen oder sagte etwa:
Vergelt's Gott für die Armen Seelen.
Das war mehr als eine höfliche Dankesformel. Gebet und Segen sollten den Toten tatsächlich helfen. Der Haushalt, der das Brot gab, erhielt dafür Schutz, Glück und Segen. Viele Besucher galten mitunter sogar als gutes Zeichen für ein wohlhabendes kommendes Jahr. Mit „Wohltätigkeit“ ist dieser Brauch deshalb nicht ausreichend beschrieben. Die einen gaben Brot, die anderen erbrachten eine religiöse Leistung. Beide Seiten bekamen etwas, und angeblich profitierten auch die Armen Seelen. Die Behörden begannen den Brauch irgendwann als lästige Bettelei zu betrachten. Kinder fehlten manchmal mehrere Schultage, während sie Brot sammelten, und selbst Menschen, die gar nicht besonders arm waren, beteiligten sich. Die Bevölkerung sah das nicht unbedingt so. Für sie war es ein überliefertes Recht. Die Besucher baten nicht immer demütig um eine Gabe, sondern forderten sie mitunter als etwas, das ihnen nach altem Brauch zustand. Ein Bezirksbeamter beklagte 1901, man verlange die Gaben beinahe wie eine rechtlich fällige Schuld. Manche Forschende deuten Kinder und Arme als lebende Stellvertreter der zurückkehrenden Seelen. Indem der Haushalt sie ernährte, speiste er symbolisch die Toten.
Der Allerseelen-Heischegang verschwand schließlich. Eine besser organisierte Armenfürsorge verringerte die Notwendigkeit, Brot zu sammeln. Zugleich schwand der Glaube, Gebete könnten den Seelen im Fegefeuer helfen. Ohne diesen religiösen Austausch sah der Brauch immer mehr nach gewöhnlicher Bettelei aus und ließ sich kaum noch bewahren.
Von Soul Cakes zu Süßes oder Saures
In Teilen Englands gab es einen eng verwandten Brauch namens Souling. Arme Menschen und später Kinder zogen von Haus zu Haus und erbaten Soul Cakes, Seelenkuchen, als Gegenleistung für Gebete für die Verstorbenen der Familie. Beide Bräuche erinnern auffallend an das heutige amerikanische Trick-or-Treating. Der wichtigste Unterschied: Die Besucher bei Souling und beim Allerseelen-Heischegang mussten normalerweise keine Kostüme tragen. Das Verkleiden kam aus einem anderen Brauch, dem Guising. In Irland und Schottland zogen verkleidete Menschen von Haus zu Haus, sangen, sagten Verse auf oder führten kleine Kunststücke vor und erhielten dafür Essen oder Geld. Irische und schottische Einwanderer brachten diese Bräuche nach Nordamerika. Dort vermischten sich Guising, Souling, saisonale Streiche und Halloweenfeiern allmählich miteinander.
Es war nie bloß eine Kirchensache
Ich hatte erwartet, unter Allerheiligen ein einfaches heidnisches Fest zu finden, das lediglich christlich übermalt worden war. Stattdessen entdeckte ich etwas viel Unordentlicheres und meiner Meinung nach viel Interessanteres. Die offizielle katholische Lehre bestand neben lokalen Glaubensvorstellungen, und die Menschen machten sich offenbar wenig Gedanken darüber, wo das eine aufhörte und das andere begann. Eine Seele konnte im Fegefeuer leiden und zugleich als Geist nach Hause zurückkehren. Kirchenglocken befreiten sie, Weihwasser linderte ihre Qualen und die Wärme des Herdfeuers half gegen ihre Strafe. Sie konnte das Brot vom Tisch essen, von den Gebeten eines armen Kindes profitieren und wütend werden, wenn die Lebenden ihre Pflichten vergaßen.
Rückblickend wird mir klar, dass ich immer nur den öffentlichen, respektablen Teil des Brauchtums erlebt habe. Wir hatten noch die Blasmusik, den Priester, den Weihrauch, die Blumen und die Kerzen. Aber niemand erzählte mir von den Seelen, die durch den Herbstwind wanderten, sich am Ofen wärmten oder am Tisch auf ihr Brot warteten.
Hätte mir als Kind jemand davon erzählt, hätte ich Allerheiligen vielleicht viel weniger langweilig gefunden.
Quellen
- Zingerle, Ignaz Vinzenz. Sitten, Bräuche und Meinungen des Tiroler Volkes. Innsbruck, 1871. Digitalisiert von der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol.
- Keller, Irene und Christian. Glaube? Aberglaube? Volksfrömmigkeit / Gelehrtenmagie: Facetten des (Aber)glaubens in Oberösterreich. Kulturgut Hausruck, 2014.
- Baumgarten, P. Amand. Aus der volksmässigen Ueberlieferung der Heimat. Linz: Museum Francisco-Carolinum, 1869.
- Link
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- weisserstier. „20161101 Striezel 005.“ Fotografie, 2016. CC BY 2.0. Via Wikimedia Commons.
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