„Die Salbe giebt den Hexen Mut,
Ein Lumpen ist zum Segel gut;
Ein gutes Schiff ist jeder Trog,
Der flieget nie, der heut nicht flog.“
– Goethe, Faust I, „Walpurgisnacht“
„Die Salbe giebt den Hexen Mut, Ein
Lumpen ist zum Segel gut;
Ein gutes Schiff ist jeder Trog,
Der flieget nie, der heut nicht flog.“– Goethe, Faust I, „Walpurgisnacht“ (im englischen Originalartikel zusätzlich in der Übersetzung von Bayard Taylor)
Ich war ungefähr zehn Jahre alt, als ich einen Roman über ein Mädchen las, das zur Zeit der Hexenprozesse lebte. Ehrlich gesagt erinnere ich mich kaum noch an die Handlung. Was ich aber weiß: Das Buch weckte mein Interesse an dieser historischen Epoche. Dass Hexenverfolgungen tatsächlich stattgefunden hatten und nicht bloß erfunden waren, war für mich damals beinahe Beweis genug, dass an der Hexerei etwas dran sein musste. Ich bin 1988 geboren, also fielen meine Teenagerjahre wunderbar in die Whimsigoth- und Hexenphase der 1990er und frühen 2000er. The Craft, Charmed, Sabrina und Buffy ließen mich sehnsüchtig wünschen, Hexerei wäre wirklich. Ich trug nur Schwarz, schminkte meine Lippen viel zu früh dunkel und kaufte mir Zauberbücher. Dazu ein paar aus Mamas Küche stibitzte Kräuter, und schon ging es los. Ich wollte so sehr, dass die Magie aus dem Fernsehen und aus Büchern echt war, dass ich wohl irgendwann anfing, mir das einzureden. Tatsächlich geschah aber nichts. Ich konnte keine Dinge mit meinen Gedanken bewegen, sah nicht in die Zukunft, und die Geister beim Ouija-Brett waren höchstwahrscheinlich bloß Teenager-Mädchen, die das Glas verschoben und so taten, als würden sie es nicht tun. Irgendwann war diese „Phase“ vorbei. Ich gestand mir ein, dass nichts davon echt war, und beschäftigte mich mit anderen Dingen. In dieser Welt gibt es keine Magie. Alles erfunden. Und alles, was magisch erscheint, lässt sich leicht wissenschaftlich erklären. Während der Hexenverfolgungen flogen keine Frauen nachts auf Besen durch die Luft. Was wirklich geschah, waren die Anschuldigungen, die Folter und der Tod von Menschen aufgrund von Angst, Frauenfeindlichkeit und Religion.
Zwanzig Jahre später sitze ich hier und schreibe einen Artikel über die Frage: Sind Hexen wirklich geflogen? Das Bild von Frauen, die nachts auf Gegenständen reiten, um sich an abgelegenen Orten mit dem Teufel zu treffen, prägt die europäische Kultur seit Jahrhunderten. Es findet sich in Prozessakten, dämonologischen Schriften, im Volksglauben und in der Literatur. Unsterblich wurde es schließlich in einer der berühmtesten Szenen der deutschen Literatur: Goethes Walpurgisnacht. In Faust I beschreibt Goethe, wie Hexen in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai zum Blocksberg, einem Berg in Deutschland, fliegen. Aus allen Richtungen kommen sie zur wilden Versammlung am Berg. Die Vorstellung einer heimlichen Hexenzusammenkunft in den Bergen war allerdings keine Erfindung Goethes. Er schöpfte aus einer langen Überlieferung über nachtfahrende Frauen, von denen man glaubte, sie würden nachts mit übernatürlichen Zügen von Geistern, Göttinnen oder Toten umherziehen.
Woher stammt diese Vorstellung?
Schon lange bevor Hexen als Dienerinnen des Teufels galten, erzählte man von Frauen, die nachts eine übernatürliche weibliche Gestalt begleiteten. Je nach Region trugen die Anführerinnen solcher Züge verschiedene Namen: Diana, Satia, Holda, Holle oder Perchta. Als ich erstmals von diesen nachtfahrenden Frauen las, dachte ich sofort an die Wilde Jagd, jenes alte europäische Motiv eines lärmenden, furchterregenden übernatürlichen Zuges, der nachts unterwegs ist, während die gewöhnlichen Menschen schlafen. Ich begann nach Zusammenhängen zu suchen und fand einen Artikel von Ronald Hutton, in dem es genau darum geht. Hutton weist darauf hin, dass das, was wir heute Wilde Jagd nennen, eigentlich mehrere unterschiedliche Traditionen miteinander verbindet: schreckliche Heerscharen der Toten, geisterhafte Jäger und von Frauen angeführte Geisterzüge. Letztere wurden keineswegs immer als böse beschrieben. In vielen Erzählungen besuchten sie Häuser und segneten sie, wenn sie sauber und ordentlich waren. Manchmal hieß es, die Frauen reisten tatsächlich körperlich durch die Nacht; in anderen Erzählungen geschah die Reise „im Geist“, während ihre Körper im Bett blieben.
Was die Kirche über die nachtfahrenden Frauen sagte
Einer der frühesten und einflussreichsten kirchenrechtlichen Texte über diese Frauen ist der Kanon Episcopi. Regino von Prüm zeichnete ihn Anfang des 10. Jahrhunderts auf. Er handelt ausdrücklich von jenen weiblich angeführten Nachtzügen, über die wir gerade gesprochen haben. Darin ist von Frauen die Rede, die behaupten, nachts gemeinsam mit der heidnischen Göttin Diana und vielen anderen Frauen zu reiten und dabei große Entfernungen zurückzulegen. Der Kanon Episcopi stellt aus kirchlicher Sicht klar, dass diese Reisen nicht wirklich stattfinden, sondern bloße Träume sind, die böse Geister hervorrufen. Das unterscheidet sich erheblich vom späteren Bild der Hexenprozesse, in dem Hexen tatsächlich auf Besen, Ziegen oder Ofengabeln beziehungsweise mithilfe von Flugsalben zum Sabbat fliegen. Dieses spätere Bild entwickelte sich, als ältere Vorstellungen vom nächtlichen Reiten mit der Dämonologie verschmolzen.
Vom Traum zum Teufelspakt
1487 veröffentlichte der Inquisitor Heinrich Kramer den Malleus Maleficarum, auf Deutsch als Hexenhammer bekannt. Er sollte zu einem der berüchtigtsten Handbücher der Hexenverfolgung im ausgehenden Mittelalter werden. Für die Geschichte der fliegenden Hexe war das ein entscheidender Wendepunkt. Im Kanon Episcopi galten die nächtlichen Flüge der Frauen noch als Täuschung. Im Hexenhammer wandte sich Kramer gegen diese ältere Deutung. Er argumentierte, die Frauen des alten Kanons seien keine „echten Hexen“ im späteren Sinn gewesen. Daher könne der Kanon nicht als Beweis dafür dienen, dass Hexen nicht tatsächlich fliegen könnten. Es ist schon lustig, wie er nicht einfach sagen kann, dass die Kirche vorher falschgelegen habe, und sich stattdessen mit dieser ziemlich dubiosen Begriffsverdrehung herausredet. Dieser theologische Ausweg war ihm so wichtig, weil die Vorstellung, Hexen träfen sich nachts an abgelegenen Orten, zu dieser Zeit bereits weitverbreitet war. Damit stellte sich die Frage, wie sie dorthin gelangten. Der Hexenhammer bot nun eine Antwort und öffnete die Tür dafür, Menschen zu beschuldigen, körperlich an solche Orte geflogen zu sein.
Flugsalben
Sobald sich die Vorstellung durchgesetzt hatte, dass Hexen tatsächlich körperlich zum Sabbat flogen, stellte sich die Frage: Wie machten sie das? Eine immer wiederkehrende Erklärung ist die Flugsalbe. Die Hexe salbte sich selbst und häufig auch den Gegenstand, auf dem sie reiten wollte, etwa einen Besen, einen Trog oder eine Ofengabel, mit einer Kräutersalbe ein, die ihr angeblich die Fähigkeit zum Fliegen verlieh.
Die Vorstellung, eine Salbe könne das Fliegen ermöglichen, ist uralt. In Homers Ilias, die gewöhnlich ins 8. Jahrhundert v. Chr. datiert wird, wäscht sich Hera und salbt sich mit göttlichem Öl, bevor sie vom Olymp zum Berg Ida reist, ohne dabei den Boden zu berühren. Für mich klingt das ziemlich nach einer Flugsalbe.
Obwohl die Idee alt war, wurde sie erst durch Johannes Hartlieb bekannter, der 1456 darüber schrieb (Das Buch aller verbotenen Kunst, Unglaubens und Zauberei). Hartlieb berichtet von Frauen, die eine Salbe namens unguentum pharelis auf Gegenstände strichen, um anschließend damit zu fliegen. Soweit wir heute wissen, veröffentlichte er auch das erste Rezept einer Flugsalbe. Das überraschte mich, denn seine Rezeptur enthält noch keine der später so typischen stark betäubenden Nachtschattengewächse. Ihr Aufbau ist eher magisch und astrologisch: Sieben Kräuter werden entsprechend ihrer Zuordnung zu den sieben Planetentagen der Woche gesammelt.
Planetensymbole und Kräuter
- Sonntag (Sonne): Solsequium, vermutlich Zichorie oder Wegwarte
- Montag (Mond): Lunaria, vermutlich Mondraute
- Dienstag (Mars): Verbena, Eisenkraut
- Mittwoch (Merkur): Mercurialis, Bingelkraut
- Donnerstag (Jupiter): Barba Jovis, Hauswurz
- Freitag (Venus): Capilli Veneris, Frauenhaarfarn
- Samstag (Saturn): in der erhaltenen Fassung des Rezepts unklar
Das zeigt, dass die Salbe eher als rituelle Substanz verstanden wurde. Man musste die richtige Pflanze zur richtigen Zeit und unter dem richtigen himmlischen Einfluss sammeln. Ihre Kraft lag vor allem in den Entsprechungen, weniger in den chemischen Eigenschaften der Zutaten. Pflanze, Planet, Wochentag und Absicht wirkten zusammen. Hartliebs Flugsalbe erscheint mir daher viel weniger als Drogenrezept, sondern eher als Ausdruck mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Ritualmagie.
Kräuter des Schlafs und der Visionen
In späteren Quellen näherten sich Flugsalben stärker dem Bild an, das wir heute von ihnen haben: Zubereitungen mit giftigen oder psychoaktiven Pflanzen wie Bilsenkraut, Tollkirsche, Alraune, Mohn, Schierling oder anderen Nachtschattengewächsen. Was solche Salben tatsächlich enthielten und wie man sie damals wirklich verwendete, lässt sich nur schwer herausfinden. Die erhaltenen europäischen Quellen sind leider entweder lückenhaft oder feindselig geprägt. Häufig wurden sie von Geistlichen, Ärzten, Dämonologen oder Richtern verfasst. Viele Geständnisse entstanden unter Druck oder Folter. Alles, was man über Flugsalben darin liest, sollte man deshalb mit einer gehörigen Portion Skepsis betrachten.
Die Salbe und das ungetaufte Kind
Eines der verstörendsten Details, auf das ich gestoßen bin, ist die wiederholte Behauptung, Hexen hätten ihre Salben aus dem Fett ungetaufter Säuglinge hergestellt. Dieses Bild taucht in Hexenverfolgungs- und dämonologischen Schriften auf. Diese Texte sind aber keine neutralen Beschreibungen tatsächlicher Volksbräuche. Sie sollten beweisen, dass Hexen die abscheulichsten Dinge taten. Das ungetaufte Kind war das perfekte Schreckenssymbol: ermordete Unschuld und verweigertes Seelenheil, verbunden mit Ängsten rund um Geburt und Säuglingssterblichkeit. Besonders Hebammen konnten dadurch in Gefahr geraten, denn sie waren bei Geburten, Fehlgeburten, Totgeburten und dem Tod von Säuglingen anwesend und hatten somit vermeintlich leichten Zugang zu den Kindern.
Ziemlich sicher scheint dagegen, dass viele Menschen beispielsweise Pappelsalben zu Hause hatten, die sie ähnlich verwendeten wie wir heute Schmerzmittel. Solche Salben enthielten oft Nachtschattengewächse, die Halluzinationen und lebhafte Träume auslösen konnten. Im falschen Haushalt gefunden, konnte eine solche Salbe schwerwiegende Folgen haben. Eine berühmte Geschichte aus dem 16. Jahrhundert handelt vom spanischen Arzt Andrés de Laguna. Er untersuchte eine Salbe, die im Haus einer der Hexerei beschuldigten Person gefunden worden war. Der Arzt stellte fest, dass sie stark schlaffördernde Pflanzen enthielt. Als er sie an einer Frau testete, fiel diese in einen tiefen Schlaf. Nach dem Erwachen erzählte sie, sie habe beim Hexensabbat mit dem Teufel getanzt.
Ein anderes bekanntes Experiment führte Giovanni Battista Della Porta durch. Gemeinsam mit mehreren Zeugen beobachtete er, wie sich eine Zauberin mit Flugsalbe einrieb. Sie fiel in tiefen Schlaf und behauptete später, über Meere und Berge geflogen zu sein. In Wirklichkeit hatte sie den Raum nie verlassen. Della Porta vertrat entschieden eine natürliche Erklärung des Hexenflugs, die er auch in seinem berühmten Buch Magia naturalis von 1558 beschrieb. Seiner Meinung nach flogen die Frauen keinesfalls tatsächlich durch die Nacht. Es waren Visionen, ausgelöst durch die halluzinogenen Eigenschaften der Pflanzen, und nicht etwa durch Dämonen, wie die Kirche rund 650 Jahre zuvor im Kanon Episcopi behauptet hatte. Die Pflanzen selbst verdienen einen eigenen Artikel, denn um sie rankt sich jede Menge spannende Überlieferung. Hier interessiert mich allerdings weniger die Rekonstruktion eines Rezepts als die Frage, was die Salbe bedeutete. War sie Gift, Medizin, Fantasie oder ritueller Stoff?
Geisterflug
Ich persönlich glaube, dass Della Porta teilweise recht hatte. Bestimmte Pflanzen können helfen, in Trance zu gelangen und dadurch leichter die Schwelle in eine andere Welt zu überschreiten. Für mich ist das allerdings nicht bloß eine körperliche Reaktion. Bei meinen Recherchen musste ich sofort an verschiedene schamanische Traditionen der Seelenreise denken, bei denen die Seele auf Wanderschaft geht, während der Körper zurückbleibt. Man glaubte, die Seele könne mithilfe von Tieren, Trommeln, Bäumen, Leitern oder Booten reisen. Das würde für mich auch gut zu Hartliebs frühem Flugsalbenrezept ohne psychoaktive Zutaten passen. Wie schon gesagt, glaube ich, dass solche Pflanzen helfen können, den Schleier zu lüften, aber notwendig sind sie meiner Meinung nach keineswegs. Eine rituelle Salbe, die zum richtigen Zeitpunkt und nach bestimmten Entsprechungen hergestellt wird, kann denselben Zweck erfüllen. Sie verwandelt den Gegenstand, mit dem sie in Berührung kommt, ob Besen, Trog, Schemel, Rechen oder Ofengabel. Das sind dann nicht länger bloße Haushaltsgeräte, sondern mögliche Transportmittel für den Geist.
Das heißt nicht, dass psychoaktive Pflanzen bei rituellen Seelenreisen keine Rolle spielten. Ihr ritueller Gebrauch unter indigenen Völkern ist gut dokumentiert. Ich habe ein wenig nachgeforscht: Michael Harner bespricht zum Beispiel Berichte über Datura-Salbenzubereitungen bei den Yaqui in Mexiko. Dort war die Pflanze mit rituellen Visionen und Flugerlebnissen verbunden, die an die späteren europäischen Flugsalben-Geschichten erinnern.
Sind Hexen also wirklich geflogen?
Ich würde sagen, sie flogen auf eine Weise, die mein sechzehnjähriges Ich maßlos enttäuscht, mein sechsundzwanzigjähriges Ich aber schockiert hätte. Was meine ich damit? Sie flogen nicht auf die offensichtliche, spektakuläre Charmed-Art, von der ich als Teenager träumte. Keine Funken aus den Fingerspitzen, kein Besen, der den Körper in die Luft hebt. Aber es geht auch nicht darum, den Göttern der Wissenschaft zu huldigen, wie ich es in meinen Zwanzigern tat, als ich Magie für reinen Unsinn hielt und glaubte, jede alte Geschichte ließe sich auf Aberglauben und Unwissenheit reduzieren. Die Wahrheit liegt für mich irgendwo zwischen diesen Extremen.
Hexen flogen vermutlich nicht körperlich durch die Nacht, um auf einem Berggipfel mit dem Teufel zu tanzen. Ich denke, es geht vielmehr um Trance, Träume, Rituale, veränderte Bewusstseinszustände, Seelenreisen und den alten Glauben, dass ein Teil des Selbst den schlafenden Körper verlassen und eine andere Welt betreten kann. Mein jugendliches Ich, das sich Magie wie in seiner Lieblingsserie wünschte, fände das ziemlich enttäuschend. Mein erwachsenes Ich ist dagegen fasziniert. Denn es deutet darauf hin, dass die alten Geschichten vielleicht nicht buchstäblich wahr waren, aber deshalb noch lange nicht völlig bedeutungslos.
Quellen
- Harner, Michael J. The Role of Hallucinogenic Plants in European Witchcraft. In Hallucinogens and Shamanism. Oxford University Press, 1973.
- Prieß, Alena. Das Traummotiv im Hexenflug. Eine Realitätsdebatte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Masterarbeit, Universität Wien, 2012.
- Hutton, Ronald. The Wild Hunt and the Witches’ Sabbath. Folklore 125, Nr. 2, 2014.
- Müller-Ebeling, Claudia; Rätsch, Christian; und Storl, Wolf-Dieter. Hexenmedizin: Die Wiederentdeckung einer verbotenen Heilkunst. AT Verlag, 1998.